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Mama, ich liebe dich

Heute schreibe ich meinen wohl persönlichsten Artikel. Vor einigen Monaten habe ich schon mal einen Artikel geschrieben, bei dem es um die Erkrankung meiner Mama ging: Von Bildern und Emotionen - oder was das Leben so für uns bereit hältIm letzten Jahr hat meine Mama die Diagnose Lungenkrebs erhalten, wurde operiert und hatte auch eine Chemotherapie. Danach sah alles sehr gut aus und wir dachten das Schlimmste sei überstanden. 

 

Aber wie es leider so oft bei Krebserkrankungen ist, kam er zurück und diesmal schlimmer und aggressiver als zuvor. Die letzten Wochen war so schwer für mich, denn ich musst mit ansehen wie die Krankheit 


Mit diesen Zeilen, die ihr eben gelesen habt, wollte ich im Mai den Blogartikel über den Tod meiner Mama beginnen. Ich wurde durch irgendetwas unterbrochen und seit dem habe ich den Artikel nicht mehr angeschaut. Ich fühlte mich innerlich stark genug um nach so kurzer Zeit schon einen Artikel über alles zu schreiben und beim Schreiben fiel mir schon auf, dass es einfach zu früh war. Auch jetzt merke ich, dass es mich aufwühlt. Aber mir ist dieser Artikel sehr wichtig, denn er wird zeigen und beschreiben, warum mir Fotos so wichtig sind und warum ich davon überzeugt bin, dass wirklich jeder mindestens ein Fotoalbum zu Hause haben und diese unbezahlbaren Erinnerungen darin wie seinen wertvollsten Schatz hüten sollte.



...der Krebs kam nach erfolgreicher OP und Chemotherapie zurück. Eine Diagnose, die jeder Krebs Erkrankte und dessen Angehörigen fürchten. Auch bei meiner Mama zeigten sich keine 2 Monate nach erfolgreicher Abschlussuntersuchung Metastasen. Sie kam zurück ins Krankenhaus, wurde untersucht und anschließend zu einer Strahlentherapie überwiesen. Ich bekam die meisten Informationen über die Abschlussberichte des Krankenhauses, da meine Eltern nicht so viel mit den Worten der Ärzte anfangen konnten bzw. sie nicht wirklich wiedergeben konnten. Ich las die Berichte voller Sorge, sprach mit befreundeten Ärzten und letztendlich auch nochmal mit der Ärztin meiner Mama um meinen Verdacht zu bestätigen. Die Erkrankung war so weit fortgeschritten, dass der Weg eigentlich nur noch in eine Richtung gehen konnte. 

 

Ich sprach mit meinen Eltern darüber und versuchte herauszufinden, was sich meine Mama wünscht und welche Vorstellungen sie hat. Eins der schwersten Gespräche meines Lebens. Ich war die "Große", die meinen Eltern alles erklärte und dazu ermahnte, dass bestimmte Dinge geklärt werden sollten. Das war der Tag an dem ich meinen Papa zum ersten Mal hab weinen sehen.

 

Nach einigem bürokratischen Hickhack kam meine Mama an Gründonnerstag auf die Palliativstation ins UKE. Knapp zwei Wochen, nachdem wir noch einen gemütlichen Sonntag auf der Terrasse zusammen verbrachten, ging sie völlig selbstständig und ohne Hilfe hinein. Ostersonntag wollten wir alle zusammen nach Neumünster zu meinem Bruder und Ostereier suchen mit den Kindern. Karfreitag musste ich ihn schon anrufen und ihm sagen, dass er und seine Familie besser zu uns kommen, denn meine Mama können sich nicht für eine Stunde ins Auto setzen. Sie konnte schon nicht mehr alleine aufstehen. Mein Bruder kam alleine, die Kinder waren krank. Und er erschrak als er unsere Mama sah. Denn er hatte seine Informationen hauptsächlich von meinem Papa, der bis zum Schluss unendlich optimistisch war. Knapp drei Tage, nach dem sie auf die Palliativstation kam, konnte sie weder alleine Aufstehen, noch alleine essen oder reden. Es ging so schrecklich schnell. Ich war von da an jeden Tag bei ihr, während der Arbeit, zum Mittagessen, nach Feierabend mit und ohne Sam. Ich war unendlich froh, dass sie im UKE war, direkt bei mir, wo ich wohne und arbeite, so dass ich so viel wie möglich bei ihr sein konnte.

 

Nach einiger Zeit wurde sie dann in ein Hospiz in Barmbek verlegt. Auch da war ich jeden Tag bei ihr. Aber ich merkte schnell, dass ich neben Job und Kind an meine Grenzen stieß, da nun auch noch ein gewisser Fahrtweg dazu kam. Ich merkte wie ich eigentlich schon gar nicht mehr hingehen wollte, denn ich ertrug es nicht sie so zu sehen und ich wollte auch nicht gehen, denn ich hatte Angst, dass es das letzte Mal war und ich wünschte mir sehr, dass sie nicht alleine sterben muss. Ich wollte für sie da sein.

 

Am Tag ihres Todes, wäre ich fast nicht da gewesen. Ich wollte mir einen Tag Auszeit gönnen, den Tag mit meinem Mann und meinem Sohn genießen. Nur ein Tag vorher hatte ich meine Telefonnummer im Hospiz hinterlegt, damit ich jederzeit angerufen werden kann. Ich wurde angerufen und ging nicht ran, da mein Telefon im Spind im Schwimmbad war. Auf dem nach Hause weg, hört ich meine Mailbox ab und rief das Hospiz zurück. Mein Herz bebte und mir war schlecht. Es war so weit.

 

Mein Mann und mein Sohn gingen nach Hause und ich machte mich ein letztes Mal auf den Weg. Es war so surreal. Es wehte ein kalter Wind. Auf dem Weg zur Bahn sah ich noch zwei ältere Frauen, nicht viel älter als meine Mama, die verzweifelt versuchten bei dem Wind ihre Zigaretten anzuzünden. Ich hätte ihnen am liebsten entgegen geschrien "Lasst die scheiß Zigarette einfach aus. Ich bin gerade auf dem Weg zu meiner Mama, die genau jetzt an Lungenkrebs stirbt." Ich war kurz wütend und dann ging es zurück in meinen Tunnel.

 

Mein Vater war schon einige Zeit bei ihr. Mein Bruder wusste Bescheid und war in Gedanken und der Ferne bei uns. Ich setzte mich daneben und hielt ihre Hand bis zum Schluss. Es war schwer, aber ich war unendlich dankbar dafür, dass sie nicht alleine war. Sie war erlöst von ihren Schmerzen und der Unfähigkeit nichts mehr eigenständig machen zu können. Als wir das Hospiz verließen, war der Wind verschwunden und die Sonne schien golden durch die Bäume. Meine Mama war angekommen, sie schickte uns diese Sonnenstrahlen und diese wundervolle Licht erwärmten mir das Herz.



Fast ein halbes Jahr ist nun vergangen. Es ist schon wieder einiges passiert und über das meiste davon möchte ich nicht in der Öffentlichkeit reden, aber ich kann euch sagen, alles was das Jahr 2019 bisher brachte, bringt mich auf meinen richtigen Weg. Es gab und gibt weiterhin sehr viele Veränderungen, die ich genau so auch möchte. Aber ich freue mich schon darauf, wenn ich wieder ein wenig langweiligen Alltag bekomme. 

Ich habe kurz nach dem Tod meiner Mama nicht geweint, selbst auf der Beerdigung war es nur ein Hauch von Tränen. Ich war hauptsächlich erleichtert. Erleichtert, dass sie keine Schmerzen mehr hat, erleichtert, dass es vorbei war und erleichtert, dass wir gemeinsam da durch gingen und keiner allein war. Ich habe mich gefragt, was falsch bei mir gepolt ist, dass ich so nüchternd darüber reden konnte ohne jedes Mal in Tränen aus zu brechen. Immerhin ging es hierbei um meine Mama. Aber, wie immer, ist halt jeder anders, sieht und verarbeitet die Dinge anders. Die Tränen kamen früh genug. In Momenten wenn ich nicht damit rechne. Bei Liedern, die ich gar nicht mit dem Tod oder meiner Mama in Verbindung bringe. Am schlimmsten ist es aber immer dann, wenn ich sie mit Sam vor mir sehe. Ich bin so dankbar, dass sie ihn noch ein wenig kennen lernen konnte, dass sie weiß, dass ihre Kinder ganz wundervolle Kinder haben, in denen auch sie weiterlebt. Ich wünschte mir nur so sehr, das Sam mehr von ihr gehabt hätte, dass er sich später auch wirklich an sie erinnern könnte. Ich kann ihm nur immer wieder von ihr erzählen und ihm Bilder zeigen. Und genau diese Bilder von meiner Mama zusammen mit Sam sind jetzt unbezahlbar. Es sind die einzige Überbleibsel, die meinem Sohn zeigen können, wie sehr ihn seine Oma geliebt hat. 


Eltern sind immer für ihre Kinder da. Bis vor einem Jahr habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, dass es mal nicht so sein könnte. Eltern sind doch immer da. Manchmal nerven die immer selben Sprüche, manchmal streiten wir uns wegen Kleinigkeiten oder Generationskonflikten, aber Eltern bleiben mit die wichtigste Unterstützung in unserem Leben. Und egal, wann sie uns verlassen, ob mit 90, mit 68 oder noch früher, es kommt immer zu plötzlich und immer zu früh.

 

Einige Zeit bevor meine Mama auf die Palliativstation gekommen ist, habe ich mit einer lieben Kollegin gesprochen und sie nach einem Familienshooting gefragt. Ich hab ihr die Situation erklärt und sie um einen ggf. spontanen Termin gebeten. Ich wollte nochmal eine Erinnerung schaffen. Aber dann ging es alles so schnell, dass ich diese Erinnerungen nicht mehr habe. Aber durch die Diagnose im letzten Jahr gab es noch ein paar Momente und Situationen, in denen ich meine Mama ganz bewusst mit ihren Enkelkindern fotografieren konnte. Nur mit mir gibt es nun wenige Bilder, denn ich stand ja immer hinter der Kamera. Dieses Selfie ist eins der letzten Bilder mit mir und meiner Mama. Entstanden an der Ostsee, als sie nach ihrer Chemotherapie dort zur Kur ging.

Ich bin froh noch ein paar Bilder von meiner Mama zu haben und gleichzeitig wünschte ich, ich hätte noch früher erkannt, wie schnell es gehen kann und hätte in ein Fotoshooting für unsere ganze Familie investiert. Ich kann nur jedem ans Herz legen, nimm dir die Zeit für dich und deine Familie. Haltet euch in Bildern fest. Macht ein Album daraus und vererbt diese Alben von Generation zu Generation weiter. Wir kaufen uns ständig Telefone und Laptops für hunderte von Euros und nach zwei oder drei Jahren brauchen wir wieder etwas Neues. Bilder und Erinnerungen halten für die Ewigkeit und werden mit jedem Jahr wertvoller. Bis sie eines Tages unbezahlbar sind.

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Kommentare: 1
  • #1

    Wolfgang Düsener (Donnerstag, 10 Oktober 2019 21:48)

    Es ist nur der Körper, der nicht mehr da ist, die Reine Seele ist unsterblich.
    J S C A